Hat die CSU den Politischen Aschermittwoch erfunden?

Klaus Rose

Der Mythos des „Politischen Aschermittwochs“ bleibt ungebrochen, auch wenn historische Fakten zur Differenzierung raten. Da auch Franz Josef Strauß zeitlebens große historische Zusammenhänge erzählte, hat er wohl nichts gegen derlei Fakten. Diese fördern zutage: Die CSU hat den Politischen Aschermittwoch erfunden, aber auch wieder nicht. Es kommt auf die – richtige – Betrachtung an.

 

1919 gab es die erste „Große Volksversammlung“

Falsch ist auf jeden Fall die Formulierung „Politischer Aschermittwoch seit 1919“. Dieser Begriff wurde erst 50 Jahre später erwähnt. Richtig ist, dass es am Aschermittwoch 1919, wie durchaus schon in monarchischer Zeit, in der Donaustadt Vilshofen einen großen Viehmarkt gab, auch wegen des wertvollen Eisenbahnanschlusses, und dass die hungrigen und vor allem durstigen Bauern zur Mittagszeit ihr Labsal suchten. Da seit 1890 die Vilshofener Magnaten-Familie Wieninger (oftmals Bürgermeister) nach dem Vorbild der neuen Münchner Bierkeller einen prächtigen „Konzertsaal“ errichtet hatte, der bis zu tausend Menschen Platz bot, war klar, dass seither größere Veranstaltungen in diesem „Wieningersaal“ abgehalten wurden, von Konzerten bis zu politischen Versammlungen. So waren dort schon 1899 der Bayerische Bauernbund, eine liberale und antiklerikale Partei sowie das Bayerische Zentrum aufgetreten, wenn auch nicht am Aschermittwoch. Der große Viehmarkt befand sich jedenfalls nur etwa 70 Meter vom Wieningersaal entfernt. Die Bauern aus nah und fern genossen die Atmosphäre.

Während des Ersten Weltkriegs diente der Saal als Lazarett. Im Juli 1917 musste die Familie Wieninger einer Zwangsversteigerung des Areals zustimmen. Neuer Eigentümer wurde die Stiftung „Bischöfliches Klerikalseminar“ Passau, die auch die nahe Brauerei Hacklberg betrieb. Das war der Grund, weshalb in Vilshofen der Brauereibetrieb eingestellt wurde. Die antiklerikale Stimmung in der Stadt schwoll an. Nach der Revolution und der Einführung einer Demokratie mit Landtags- und Reichstagswahl im Januar 1919 wurde der notdürftig renovierte Saal wieder zur Nutzung freigegeben. Am 6. Januar 1919 lud die neue Bayerische Volkspartei zur Wahlversammlung in den Wieningersaal, zum Aschermittwoch schließlich der Bayerische Bauernbund. Er griff die aufgeregte Stimmung auf, besonders wegen des Mordes am Bayerischen Ministerpräsidenten Kurt Eisner (21. Februar 1919). Die Plakate luden zur „Großen Volksversammlung“. Das Wort Volk hatte seine neue Bedeutung: Volkspartei, Volksversammlung, Volksstaat – frei vom Monarchen, Freistaat.

Begierig lauschten am Aschermittwoch 1919 mehr als tausend Menschen dem Redner. Man wollte aus erster Hand Neues erfahren. Wegen der Münchner Ereignisse waren aber die obersten Parteiführer unabkömmlich, so dass der niederbayerische Vertreter Joseph Klarhauser aus Haunersdorf an der Vils als Redner auftrat. Doch es kam zu keiner Bauernbund-Tradition am Aschermittwoch. Es war vielmehr der „Christliche Bauernverein“, welcher ab 1920 mindestens fünf Mal in den Wieningersaal einlud, auch 1932. Doch da hatte auch die NSDAP eine Abendveranstaltung aufgezogen, in einem Bankgebäude am Stadtplatz. Der Begriff „Politischer Aschermittwoch“ kam bei niemandem vor, auch 1946 nicht, als der neue Bayerische Bauernverband mit Generalsekretär Alois Schlögl, dem späteren CSU-Landwirtschaftsminister, zu einem „unpolitischen Treffen“ einlud – Parteien waren noch nicht zugelassen.

Die Legendenbildung vom Politischen Aschermittwoch

Die Behauptung, dass 1946 die Bayernpartei die demokratischen Aschermittwoch-Kundgebungen neu begründete, ist also falsch (so im Wikipedia-­Artikel zum Politischen Aschermittwoch).

1947 war Alfred Loritz von der Wirtschaftlichen Aufbauvereinigung (WAV) aufgetreten und erst 1948, neben der SPD und der CSU, die neue Bayernpartei. Richtig ist, dass letztere zu einer „Großkundgebung“ im Konzertsaal eingeladen hatte, um mit ihrem Starredner zu punkten, dem aus der CSU ausgetretenen Landwirtschaftsminister Joseph Baumgartner. Außerdem hatte die deutlich anti-preußische und anti-amerikanische Bayernpartei an die vorherige Tradition des Umzugs mit der Stadtkapelle angeknüpft und großen Eindruck gemacht. Das galt auch in den Folgejahren, in denen die Bayernpartei die politische Szene in Vilshofen beherrschte und sowohl den 1. Bürgermeister als auch die ersten Abgeordneten im Bundeswahlkreis Vilshofen stellte (Land und Bund). Der Wieningersaal war es nicht mehr, wohl aber der „Wolferstetter Keller“, welcher schon am Fronleichnamstag 1930 als „Wolferstetter Sommerkeller“ ein „Großes Konzert der Stadtkapelle Vilshofen“ erlebt hatte – mit jener Stadtkapelle, die ab 1934 ein „SA-Musikzug“ geworden war und nach dem Zweiten Weltkrieg nur geringfügig verändert wieder aufspielte. Das Wort „Politischer Aschermittwoch“ war aber noch immer nicht erfunden.

1953 wollte die CSU nicht weiter zuschauen. Sie hatte sich in der Stadt Vilshofen eine neue Geschäftsstelle für den Bundeswahlkreis geleistet und dachte schon an die zweite Bundestagswahl im Herbst. Die CSU lud also „Zum Bauerntag“ in den Wolferstettersaal ein und bot ihren neuen Starredner Franz Strauß auf (noch ohne Josef). Die Menschen horchten auf, in den Folgejahren kam es zu den legendären „Redeschlachten“ zwischen Bayernpartei und CSU beziehungsweise zwischen Baumgartner und Strauß. Es wandelte sich auch der Charakter der Veranstaltungen. 1955 lud die CSU nicht mehr zu einem Bauerntag, sondern zur CSU-Kundgebung. Der Viehmarkt war weggeschrumpft, Strauß aber inzwischen Bundesminister und deutschlandweit beachtet. Der Wolferstetter Keller wurde langsam zu klein. Die Bayernpartei trat am selben Aschermittwochvormittag im Konzertsaal unter dem Motto an: „Bauern und Mittelständler, kommt zu der traditionellen Großkundgebung der Bayernpartei“.

„Politischer Aschermittwoch“ – eine mediale Erfindung

Ab 1958 sahen die Leser in der Vilshofener Lokalzeitung den Begriff „Weiß-Blauer politischer Aschermittwoch“, in der Passauer Neuen Presse (Gesamtausgabe) jedoch „Politischer Aschermittwoch“.  Die Begriffe waren eine mediale Erfindung und wurden erst später auch in den Einladungen der Partei verwendet. Womit wir bei der Eingangsfrage landen: Hat die CSU den Politischen Aschermittwoch erfunden?

Sie hat ihn zweifelsfrei nicht erfunden. Sie hat aber mit ihrem langjährigen Hauptredner  Franz Josef Strauß maßgebend dazu beigetragen, dass die jeweilige (Groß-)Kundgebung am Aschermittwoch in Vilshofen – und später an vielen anderen Orten – ein Spektakel war, das sich einprägte. Ohne die CSU und Strauß wäre der politische Auftritt am Aschermittwoch in Vilshofen genauso weggedümpelt wie die Viehmärkte. In der Reibung mit der großen CSU und ihrem Sinn für weißblaue Folklore liefen auch andere politische Parteien zur Form auf. Bald galt die CSU als das wahre Original des Politischen Aschermittwoch. Der Umzug 1975 aus bekannten Gründen von Vilshofen nach Passau vergrößerte die Dimensionen und damit auch die Ausstrahlung. Die CSU beschenkte die bayerische Tradition. Dass 2020 die Bayernpartei sich erneut als „das Original“ feierte – geschenkt.

Literatur

Wikipedia-Artikel https://de.wikipedia.org/wiki/Politischer_Aschermittwoch (abgerufen 12.11.2019).

Quelle: Die jeweiligen Zeitungsausgaben (Vilshofen); vgl. auch den Artikel von Klaus Rose zum Politischen Aschermittwoch, in: Donaubote vom 19. März 2019 (Verlag Donaudruck Vilshofen).