Vom „Kreuther Geist“ zum Wolfratshauser Frühstück – Warum wollten zwei Bayern Kanzler werden?

Heinrich Oberreuter

Keiner von beiden sagte: „Ich will!“ Jeder erklärte: „Ich bin bereit, wenn ...“. Das mag angemessener Stil bei einem derart wichtigen, auf Zustimmung angewiesenen Amt sein, gewiss aber auch eine Verneigung vor dem Risiko eines alles andere als sicheren Erfolgs. Bei Franz Josef Strauß 1980 war ohnehin klar, dass kein anderer bessere Chancen gehabt hätte und bei Edmund Stoiber 2002 im Grunde auch. Nicht zuletzt deswegen eröffnete sich beiden die Kandidatur, beide Male in geradezu zersetzenden Krisen des Unionslagers, welche die CSU – Strauß auch selbst – 1980 mitverursacht, 2002 als politischer und personeller Stabilisierungsfaktor mit Stoiber jedoch eher eingedämmt hat. Beide Unionskrisen haben nebenbei den erodierenden Koalitionen, SPD-FDP und Rot-Grün, gerade so viel Atem eingehaucht, dass sie zwar die Wahlen überstanden, aber wenig später inmitten der Legislaturperiode ihr Leben ließen. Also doch ein später Sieg.

Je größer das Risiko, desto eher ein Bayer

Natürlich war die Bereitschaftserklärung ein verbrämtes „Ich will!“ Sie trauten sich das Amt auch zu, nach Konzeption und Kompetenz gerüstet und anerkannt. Sie erstrebten die Kandidatur natürlich auch, um die Gleichberechtigung der CSU im Unionslager zu reklamieren. Die innerparteilichen und personellen Dilemmata der CDU taten das ihre, um auch dort Strauß, wenngleich umstritten, und Stoiber als präsentable und geeignete Kandidaten anzusehen. Im Grunde erlösten beide die CDU aus krisenhafter Verlegenheit, welche allerdings wiederum für ihre eigene Kandidatur eine Last gewesen ist. Beide Bayern agierten unter erschwerten Bedingungen: aus der Minderheitsposition in der eigenen Parteifamilie, aus der Opposition gegen den Kanzlerbonus z.B. Helmut Schmidts, aus der Selbstfesselung des eigenen Lagers. Auch die sich daraus ergebenden riskanten Wahlaussichten, um nicht sogleich von erwartbaren Niederlagen zu reden, mögen die Zustimmung zu den Bayern erleichtert haben, vom Manko überzeugender Alternativen abgesehen.

Dagegen hielt die CSU – wie dieser sich selbst – Strauß für den geborenen Kanzler, hegte jedoch bei Stoiber zunächst Vorbehalte, nicht wegen dessen Eignung, sondern wegen potentieller innerbayerischer Reputationsverluste bei einer Niederlage im Bund. Immerhin zögerte auch Strauß, das Risiko einzugehen, zumal er frei von Illusionen hinsichtlich der im Wahlkampf zu erwartenden Aggressionen war.

Führungskraft: Viele gegen Kohl, viel mehr für Strauß

Letztlich bewirkte der „Kreuther Geist“ seine Nominierung als Kanzlerkandidat. Denn die Wiederaufnahme der Fraktionsgemeinschaft nach dem glänzenden, aber vergeblichen Wahlsieg Helmut Kohls 1976 (48,6%) hatte den Konflikt zwischen den Schwesterparteien keineswegs beigelegt, der sich um grundsätzliche Schärfung von Profil und Strategie vor allem gegenüber der FDP drehte, und im Kern ein Streit Strauß gegen Kohl gewesen ist. Wie aber kam es zur Nominierung?

Weil ausgerechnet mitten im Siegesjubel der Union nach der Wahl Carl Carstens zum Bundespräsidenten durchsickerte, Kohl beabsichtige, wie 1976 erneut den Kanzlerkandidaten ohne Absprache mit der CSU benennen zu lassen, bedrängten noch in der gleichen Nacht zunächst ein größerer Kreis in einem Godesberger Lokal „bei einem großen Besäufnis“ (Hans Peter Schwarz, S. 248) und anschließend in Straußens Wohnung ein kleinerer Kreis mit Zimmermann und Stoiber ihren Parteivorsitzenden, um nicht noch einmal den Besseren der Einheit der Union zu opfern: „Wann, wenn nicht jetzt?“ Schließlich, nachdem „wir einiges aus seinem Kühlschrank konsumiert hatten, zeigte Strauß eine gewisse Bereitschaft“ (Stoiber, S. 66) – aber keineswegs schon diese selbst. Stoiber und Zimmermann kommen nächtens auf der Straße überein, am Morgen durch eine gemeinsame Erklärung des Landesgruppenvorsitzenden und des Generalsekretärs „Tat­sachen zu schaffen“. Den verkaterten und inzwischen Bedenken tragenden Zimmermann musste der ungeduldige Stoiber dann überreden, diese Erklärung gegen Mittag zu publizieren. Sie überraschte Kohl völlig – und Strauß durchaus auch. Nachmittags beantwortete er die Frage der „Tagesschau“, warum er kandidieren wolle, mürrisch und auf Stoiber zeigend: „Was fragen Sie mich? Fragen Sie doch den da!“ (Stoiber, S. 66) Doch den Rückzieher, den Stoiber für möglich gehalten hatte, machte er nicht.

Der Bruch war da, die CDU unter Zwang zum Gegenzug. Kohl verkündet am 28. Mai seinen wegen mangelnder Unterstützung in Partei und Fraktion längst feststehenden Verzicht und den Vorschlag Ernst Albrecht, Ministerpräsident Niedersachsens; für die CSU ein rotes Tuch wegen seiner Offenheit gegenüber der FDP, welche die Oppositionsstrategie im Bundesrat störte. Kohl sah ihn genau deswegen der FDP als Koalitionskanzler vermittelbar und sah ihn attraktiver am Wählermarkt. Doch Gegenkräfte in der eigenen Partei – Biedenkopf, Dregger, Köppler – favorisierten Strauß. Sie setzten auch die Fraktion als Entscheidungsgremium durch. In einer dramatischen Sitzung erhebt sie mit 135 zu 102 Stimmen Strauß auf den Schild, also mit fast der Hälfte der Stimmen der CDU-Abgeordneten. Zwischen CDU und CSU, wie innerhalb der CDU, tobte ein unappetitlicher Familienkrach, in dem sich unter Führung des ehemaligen Generalsekretärs Biedenkopf weite Kreise der Demontage Kohls widmeten, die offensichtlich Strauß‘s Kritik an dessen Führungsqualitäten teilten. Schon 1979 war er „angezählt“. Die Zerstrittenheit der eigenen Partei bringt ihn angesichts der Geschlossenheit der CSU in eine nicht zu bewältigende Situation: Handlungsfähigkeit der CDU herbeizuführen, was nicht zuletzt hieß, sie konfliktfähig zur CSU zu halten, und zugleich die Einheit der Union zu wahren. Denn im Hintergrund und keineswegs unartikuliert schwebte das fortbestehende Kalkül von Strauß mit einer vierten Partei, für die es Ansätze gab: „Kreuther Geist“ also. Ohne einen derartigen Wandel des Parteiensystems sah Strauß damals keine Chance zum Machtwechsel. Seine Erhebung zum Kandidaten war nun ausdrücklich mit dem Tod dieses Projekts verbunden, dessen historisches Zerstörungspotenzial er auch selbst sah. Kohl, der Verlierer, dann auch Geißler, der Generalsekretär, unterstützen den Wahlkampf des nun gemeinsamen Kandidaten voll, loyal und unermüdlich, doch mit Skepsis hinsichtlich des Erfolgs. Gemeinsam ging es um einen Politikwechsel in einer Phase ernsthafter wirtschaftlicher-, arbeitsmarkt-, steuer-, gesundheits- und sicherheitspolitischer Herausforderungen obendrein in terrorbedrängter Zeit.

Was bewegte Strauß? Klares liberal-konservatives Profil, deutliche Orientierung in Außen- und Sicherheitspolitik, Wirtschaftspolitik, nicht zuletzt, bei Kohl vermisst, deutliche politische Führung. Von daher auch seine Vorbehalte gegen den weichen, nach links offenen Machtopportunismus der FDP. Ihr hat er mehrfach auch öffentlich angeboten, auf das Kanzleramt zu verzichten, wenn seine Person einer Koalitionsbildung entgegenstehen sollte. Er wollte einen Richtungswechsel. Dem unerfahrenen Newcomer Albrecht traute er Führungsqualität erst recht nicht zu – und mit ihm die Mehrheit der Fraktion, die Strauß gerade Erfahrung und Kompetenz zugutehielt, von der er in hohem Maß auch selbst überzeugt gewesen ist: allen anderen überlegen. Deshalb sei er der CSU die Kandidatur „schuldig“ gewesen (Zimmermann, S. 81ff.). Es ging ihm um Substanz, nicht um Beliebtheit und Symbolpolitik: auf dem Laufsteg werde er nicht paradieren (Möller, S. 554). Diese Substanz sollte argumentativ im Wettbewerb präsentiert werden, gestützt auf die CSU als profilierte, eigenständige wie gleichberechtigte Akteurin im Unionsverbund. Seine Basis sah das ebenso, die der CDU nicht in gleicher Weise. Im Wahlkampf, dem „Duell der Giganten“ (Jäger), blieb, wie er es selbst erwartet hatte, kein gehässiges Ressentiment (z.B. „Sicherheitsrisiko“) uneingesetzt. Das Feindbild Strauß dämpfte auf Zeit die Divergenzen in der Regierung. In den internationalen Turbulenzen schärfte sich der Amtsbonus Helmut Schmidts, der innerparteilich zu versickern begonnen hatte. Mit 44,8% verlor die Union am 5. Oktober 1980 4,1%, blieb stärkste Kraft, doch ohne Chance auf Regierungswechsel. Denn die FDP sprang aus Selbsterhaltungstrieb erst zwei Jahre später – wie Strauß es vorhergesagt hatte.

CDU im Koma – Oppositionsführer Stoiber

Stoibers Position als Kandidat für 2002 war eine andere, weil Zustand und Reputation der CDU über weite Strecken unbeschreiblich gewesen sind. Die uninspirierte Endphase der Ära Kohl, der Machtverlust 1998, die Spendenaffären mit den durch sie verursachten Führungskrisen, ihre kaum gelingende Konsolidierung hatten die CDU in geradezu existenzielle Not geführt. Schon die Doppelwahlen zu Landtag und Bundestag 1998 hatten der CSU bittere Früchte von der Bundesebene serviert. Beiderseits musste zu Beginn des Jahrtausends Interesse an einem Neuansatz bestehen. Der taumelnden CDU war es hilfreich, die stabile CSU als Anker zu haben, die für sich die Aufgabe sah, solidarisch „ein hohes Maß an Stabilisierung und politischer Mitverantwortung für die gesamte Union“ (Stoiber, S. 165) zu übernehmen: eine Hilfe für die CDU zur Bewältigung der komplexen Problemlagen wie für die CSU zur Steigerung ihres Ansehens bei der Schwesterpartei. Doch hat die CDU die sich erheblich verstärkende bundespolitische Akzentuierung der CSU als Folge der Vereinigung des Parteivorsitzenden- und des Ministerpräsidentenamtes in Stoibers Händen durch ihre Selbstfindungskrise noch dynamisiert.

Spätestens nach seinem umjubelten Auftritt beim Erfurter CDU-Parteitag im September 1999 war Stoiber unumstrittener Repräsentant der Parteifamilie, anders als Franz Josef Strauß. Und anders als zu dessen Zeiten walteten zwischen beiden Parteien institutionalisierte Koordination und Kooperation. Wieso ist die CSU Speerspitze der Opposition geworden? Funktional, weil ihr die nicht zu unterschätzende Aufgabe zukam, der zeitweise handlungsunfähigen CDU Korsettstangen einzuziehen. Politisch, weil ihr die Rolle als Gestalterin und Wortführerin der Opposition zugefallen war – gesellschaftspolitisch gegen die Veränderungsoptionen von Rot-Grün, praktisch gegen deren Leistungsdefizite auf fast allen wesentlichen Politikfeldern. Unter Stoiber wurden konkrete Alternativen vorgelegt. Diese sachlich untermauerte Stimmführerschaft machte ihn früh zu einem nicht zu übersehenden Anwärter. Noch im Amt hatte Helmut Kohl ihm die Qualifikation für alle politischen Ämter bescheinigt, welche die Republik zu vergeben hat. Erst recht war Stoiber auf dem Spielfeld, als Schäuble zurücktrat und die CDU der Fehlkonstruktion einer Doppelspitze Merkel – Merz anheimfiel: ein zusätzliches Konkurrenzverhältnis und eine offen gebliebene Führungsfrage; zusätzlich zu den ohnehin existierenden Spannungen unterschiedlicher – modernisierender contra konservativer – Strömungen in der Partei wie zu den Eigeninteressen einiger Ministerpräsidenten, die eine klare Linie im Bundesrat verhinderten. Merkel war durch Integrationsaufgaben überlastet. Den Sensus, im Bundestag als Oppositionssprecherin Kanzler Schröder entgegenzutreten, hat sie nicht entwickelt. Als Oppositionsführer galt Edmund Stoiber. Mittlerweile sahen das uneingeschränkt auch Partei und Fraktion so. Alois Glücks Unterstützung war ihm sicher. Die Konkurrenz zwischen Merkel und Merz, zu dem er ein „ausgezeichnetes, freundschaftliches Verhältnis pflegte“ (Stoiber, S. 194), kam ihm durchaus entgegen, weil sie kein ebenbürtiges oder sogar stärkeres Machtzentrum in der CDU entstehen, die Reputation beider in der öffentlichen Meinung sinken, ihn selbst aber an beiden vorbeiziehen ließ. Ähnlich wie Strauß war gleichwohl auch Stoiber nicht frei von Selbstzweifeln, zumal die Wahlaussichten schwankten, bis sich nach dem Anschlag auf das World Trade Center Verfallstendenzen der Regierung andeuteten. Die Demoskopie sah Stoiber nun als eindeutigen Favoriten unter starker Betonung seiner Führungskompetenz, nicht anders starke Gruppen in der CDU.

Ein wohlschmeckendes Kapitulationsfrühstück

Folglich hielt Stoiber sogleich dagegen, als Merkel am 6. Januar 2002 öffentlich ihre Kandidatur erklärte. Der ursprünglichen Verabredung eines gemeinsamen Vorgehens entsprach das nicht. Angela Merkel musste um die begrenzten Aussichten ihres Vorpreschens wissen. Also ging es ihr um ihre Zukunftsperspektiven – und die der CDU, die die Legitimität ihres Anspruchs ebenso zu unterstreichen hatte wie sonst die CSU, die jetzt aber eindeutig am Zug war. Also rief tags darauf der Fraktionsvorsitzende nach der Klausur in Wildbad Kreuth Stoiber aus. „Kreuther Geist“, diesmal angesichts der Gesamtkonstellation weniger aus Konflikten als aus dem Streben nach Vernunft geboren. Merkel nämlich wurde vom Bundesvorstand der CDU am 9. Januar 2002 nicht unterstützt, sondern zu einem bilateralen Gespräch gedrängt. Im Klartext: Eine Abstimmung hätte sie verloren. Am 10. Januar rief sie in der Staatskanzlei an, um Stoiber – ja was eigentlich zu erklären? Verstanden hat er es zunächst jedenfalls nicht, um dann nach einem Rückruf seinerseits die Erkenntnis ihres Verzichts zu erlangen. Diskussionen im engsten Mitarbeiterkreis hatten eine Ahnung wohl schon wachsen lassen. Ob das legendäre Frühstück in Wolfratshausen anderntags letzte Klärung brachte oder nur, wie Stoiber suggeriert, die Folgerungen, „alles Notwendige“, behandelte, mag offen bleiben. Seiner Frühstückspartnerin bescheinigt er „Souveränität, Realitätssinn und Solidarität“ sowie erhebliches Engagement im Wahlkampf (Stoiber, S. 180). Es war keine Kampfkandidatur wie bei Strauß, eher eine logisch integrative.

Solange Stoiber seinen erstrebten Kompetenzwahlkampf um Wirtschaft, Arbeitslosigkeit, Staatsschulden und verschleppte Reformen führen konnte, ging das Konzept auf. Es wendete sich mit der Erfindung einer potentiellen Beteiligung Deutschlands an einer gar nicht aktuellen Irak-Intervention und mit der Realität des Hochwassers an der Elbe, in der die Wahlkampfprofis versagten, die ohnehin an seiner Identität ein wenig zu viel gefeilt hatten.

Am Ende erzielten SPD und Union je 38,5%. Stoiber legte im Vergleich zu 1998 3,4% zu, der erste Unionsgewinn seit 20 Jahren. Wie 1980 zerfiel die destabilisierte Koalition erst während der neuen Wahlperiode 2005 und genau wegen der Themen, die Stoiber im Wahlkampf benannt hatte. Was bewegte ihn zur Kandidatur? Zuerst, wie Strauß, und vielleicht mehr noch als diesen wegen der rot-grünen gesellschaftspolitischen Intentionen, die Verpflichtung auf ein konservativ-liberales Politikprofil der Mitte; die Überzeugung, aktuellen und sozial schädlichen politischen Defiziten mit Kompetenz begegnen zu können; die Verantwortung gegenüber einer desaströsen Situation der Schwesterpartei, welche die daran keine Schuld tragende CSU mitinfizierte; der legitime CSU-Anspruch auf Führungsverantwortung; die Überzeugung, dem Amt gewachsen zu sein: Kein Widerspruch zur Situation Strauß, doch im Vergleich zu ihr waren die Konfliktpotenziale im eigenen Lager überschaubar.

Nicht gesiegt und nicht gescheitert

mitursächlich wirkten für den Zerfall jener Regierungen, die sie selbst noch nicht ablösen konnten. Zutreffend müssen auch ihre Wahlergebnisse interpretiert werden. Die 44,5% mit Strauß von 1980 sind von der Union bis heute nur ein einziges Mal übertroffen worden, nämlich 1983 nach den Wirren um Vertrauensfrage, rot-grünem Koalitionszerfall und Streben nach Legitimation für die neue Regierung Kohl – Genscher. Auch Stoibers 38,5% von 2002 wurden nur ein einziges Mal überboten, 2013. Angela Merkel schaffte 2005 zwar das Amt, aber mit 35,2% nicht Stoibers Ergebnis. Beide kandidierten in Umbruchszeiten, die zugleich strukturelle Wandlungsprozesse des Parteiensystems bedingten.

Wie gingen beide mit ihrem Ergebnis um? Bei Stoiber wuchs am Wahlabend die Frustration wegen der sukzessiven Verschlechterung der Hochrechnungen: vom Sieg zum Gleichstand. Er tröstete sich mit der Illusion, es hätten nur 6.000 Stimmen gefehlt: die Distanz zur SPD. Doch um vom Kandidaten zum Kanzler einer Koalition mit der FDP zu werden, hätte es für beide etwa 600.000 Stimmen mehr gebraucht. Strauß war sich voll bewusst, nicht gescheitert und doch nicht erfolgreich gewesen zu sein, wie er im Vergleich der Umstände und Anteile zwischen 1982 als „schlecht unterstützter Oppositionskandidat“ und 1987 bei Hochkonjunktur und boomender Wirtschaft mit 44,3 Unionsprozenten feststellte (Strauß, S. 511). Er hatte die Union zur Mehrheit, aber nicht an die Macht geführt. Wie ihn das traf, war am Wahlabend für jedermann sichtbar – im Fernsehen, zusammengesunken und keineswegs auf der Höhe, neben einem kerzengeraden Helmut Kohl. Nächtens, in der Landesleitung in kleinerem Kreis explodierte er bitter und kritisierte scharf – nicht Kohl, sondern die CDU im Norden, ihre persönlichen Vorurteile und ihre katastrophale untaugliche Organisation, die ihn im Wahlkampf allein gelassen hatte (der Autor ist dabei gewesen). Wie bei seiner Nominierung ging es auch bei diesem Abgesang nicht trocken zu.

Literatur

Wolfgang Jäger, Die Innenpolitik der sozial-liberalen Koalition 1974-1982 (Geschichte der Bundesrepublik Deutschland 5/II) Stuttgart 1987, S. 9-274.

Andreas Kießling, Die CSU. Machterhalt und Machterneuerung, Wiesbaden 2004.

Helmut Kohl, Erinnerungen 1930–1982, München 2004.

Horst Möller, Franz Josef Strauß. Herrscher und Rebell, München 2019.

Hans-Peter Schwarz, Helmut Kohl. Eine politische Biografie, München 2012.

Edmund Stoiber, Weil die Welt sich ändert, Freiburg 2014.

Franz Josef Strauß, Die Erinnerungen, Berlin 1989.

Friedrich Zimmermann, Kabinettstücke. Politik mit Strauß und Kohl, München 1994.